Trauer am Arbeitsplatz: Wenn Mitarbeitende einen Verlust erleben

07. Dezember 2025

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Trauer am Arbeitsplatz: Wenn Mitarbeitende einen Verlust erleben

Das Thema, über das niemand sprechen will

Ihr Vater ist vor drei Wochen gestorben. Sie haben die Beerdigung organisiert, die Formalitäten erledigt, die Familie zusammengehalten. Jetzt sitzen Sie wieder am Schreibtisch. Der Posteingang ist voll, das nächste Meeting beginnt in zehn Minuten. Alle erwarten, dass es weitergeht.

Also funktionieren Sie. Sie beantworten E-Mails, nehmen an Meetings teil, liefern Ergebnisse. Niemand sieht die Wellen, die Sie durchlaufen. Die plötzliche Traurigkeit, wenn ein Lied im Radio kommt. Die Erschöpfung, die kein Kaffee löst. Die Momente, in denen Sie sich fragen, ob das alles noch Sinn ergibt.

Wenn Sie das kennen – oder wenn Sie jemanden kennen, der das gerade durchlebt – dann wissen Sie: Trauer macht vor dem Werkstor nicht halt.

Was Trauer mit Ihnen macht

Trauer ist keine Krankheit. Sie ist eine normale Reaktion auf einen unnormalen Einschnitt. Aber sie verändert Sie – und das zeigt sich auch bei der Arbeit:

Konzentration lässt nach. Ihr Gehirn ist mit der Verarbeitung des Verlusts beschäftigt. Gedanken kreisen, Entscheidungen fallen schwer, Fehler passieren leichter.

Emotionen kommen in Wellen. Ein Meeting kann normal verlaufen – und dann löst ein Wort, ein Bild, ein Gedanke alles aus. Die Tränen kommen nicht nach Terminplan.

Der Körper reagiert. Erschöpfung, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Infektanfälligkeit. Trauer ist nicht nur emotional, sie ist auch körperlich.

Sie ziehen sich zurück. Vielleicht meiden Sie Gespräche, weil Sie keine Kraft für Smalltalk haben. Oder weil Sie Angst vor eigenen Reaktionen haben.

Das alles ist normal. Es ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Trauer.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband bieten Informationen und Ressourcen zum Thema Trauer – auch für den Umgang im beruflichen Kontext.

Was Sie brauchen – und oft nicht bekommen

In vielen Unternehmen existiert Trauer nicht. Nicht offiziell. Nicht in Meetings. Nicht in Zielvereinbarungen. Sie stehen vor einer unmöglichen Aufgabe: weiterfunktionieren, als wäre nichts geschehen.

Was Sie wirklich brauchen:

Anerkennung. Einen kurzen, ehrlichen Satz: „Ich weiß, was passiert ist. Das tut mir leid.” Nicht mehr, nicht weniger. Nicht wegschauen, nicht überschwänglich werden.

Raum. Die Erlaubnis, nicht immer okay zu sein. Die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn es nötig ist. Die Erfahrung, dass Ihre Trauer sein darf – auch bei der Arbeit.

Flexibilität. Wo möglich: angepasste Arbeitszeiten, Homeoffice, reduzierte Aufgaben. Nicht als Sonderbehandlung, sondern als Anerkennung der Realität.

Zeit. Trauer folgt keinem Zeitplan. Der erste Monat ist oft noch von Betäubung geprägt. Die schwere Zeit kommt oft später – wenn alle anderen längst zur Normalität zurückgekehrt sind.

Was hilft – und was nicht

Wenn Menschen Ihnen helfen wollen, meinen sie es meist gut. Aber nicht alles, was gut gemeint ist, hilft:

„Ich weiß, wie du dich fühlst.” Nein, wissen Sie nicht. Jede Trauer ist einzigartig. Vergleiche helfen nicht.

„Du musst jetzt nach vorne schauen.” Trauer braucht Zeit, nicht Tempo. Der Druck zur Normalität macht es schwerer, nicht leichter.

„Arbeit ist doch eine gute Ablenkung.” Manchmal ja. Manchmal nein. Lassen Sie den Trauernden entscheiden, was hilft.

Gar nichts sagen. Wenn niemand den Verlust erwähnt, entsteht eine unsichtbare Mauer. Die Einsamkeit wächst.

Was wirklich hilft: Präsenz ohne Erwartung. Da sein, ohne zu drängen. Fragen, wie es geht – und wirklich zuhören. Anbieten, ohne aufzudrängen. Nachfragen – auch Wochen später, wenn alle anderen längst vergessen haben.

Wenn Sie Führungskraft sind

Sie sind kein Trauerbegleiter. Sie sollen keine Therapie machen. Aber Sie prägen durch Ihr Verhalten, ob ein Mitarbeiter in seiner Trauer Raum findet – oder allein bleibt.

Erkennen Sie den Verlust an. Ein kurzes Gespräch, eine Karte, ein ehrlicher Satz. Zeigen Sie, dass Sie sehen, was passiert ist.

Geben Sie Raum. Fragen Sie, was der Mitarbeiter braucht. Nicht, was Sie für richtig halten – was er braucht.

Bleiben Sie in Kontakt. Auch später. Gerade später. Die Frage „Wie geht es dir?” nach sechs Wochen kann wertvoller sein als der Blumenstrauß in der ersten Woche.

Bieten Sie professionelle Unterstützung an. Weisen Sie auf das EAP hin, auf externe Beratungsangebote. Nicht als Abschiebung – als Fürsorge.

Die DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bietet Handlungshilfen für den Umgang mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz – einschließlich Trauer und Krisen.

Wenn Sie selbst nicht weiterwissen

Manchmal ist die Trauer zu groß für den Arbeitskontext. Komplizierte Trauer, traumatische Verluste, der Suizid eines Angehörigen – hier braucht es professionelle Begleitung.

Das ist keine Schwäche. Das ist Selbstfürsorge.

Und auch als Führungskraft dürfen Sie sich Unterstützung suchen. Einen trauernden Mitarbeiter zu begleiten, kann belastend sein – besonders, wenn eigene Verlusterfahrungen aktiviert werden.

Fazit: Menschlichkeit ist kein Weichfaktor

Trauer am Arbeitsplatz ist kein Randthema. Es betrifft jeden – früher oder später. Wie ein Unternehmen, wie eine Führungskraft, wie Kollegen in diesen Momenten handeln, prägt das Vertrauen tiefer als jede Hochglanzbroschüre über Unternehmenskultur.

Trauer verdient Raum. Auch am Arbeitsplatz. Besonders am Arbeitsplatz – denn dort verbringen wir einen großen Teil unseres Lebens.


Wenn Sie einen Verlust erlebt haben und Unterstützung suchen – oder wenn Sie als Führungskraft lernen möchten, mit Trauer im Team umzugehen:

Ich biete psychosoziale Beratung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen sowie Begleitung für Führungskräfte und Teams nach Verlusten oder Krisen.

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