Perfektionismus in der Führung: Wenn hohe Ansprüche zur inneren Belastung werden

09. Januar 2025

Stress, Erschöpfung & Burnout
Perfektionismus in der Führung: Wenn hohe Ansprüche zur inneren Belastung werden

Wenn hohe Ansprüche zur inneren Belastung werden

Führung bedeutet, täglich Entscheidungen zu treffen, oft unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und spürbaren Konsequenzen. Erwartungen kommen von oben, von Mitarbeitenden, von Kund:innen – und nicht zuletzt von innen. Hohe Ansprüche wirken dabei zunächst wie ein Stabilitätsanker: Sie geben Orientierung, strukturieren Entscheidungen und sichern Qualität.

Im Führungsalltag zeigt sich jedoch häufig eine andere Dynamik. Hohe Ansprüche werden nicht nur Maßstab für gute Arbeit, sondern innere Bedingung für Sicherheit. Dort, wo sie nicht mehr leiten, sondern antreiben, beginnt Perfektionismus zur Belastung zu werden.

Perfektionismus zeigt sich selten als Problem – sondern als Leistung

Perfektionistische Führungskräfte fallen selten negativ auf. Im Gegenteil: Sie gelten als engagiert, zuverlässig und detailorientiert. Sie prüfen Entscheidungen gründlich, halten Standards hoch und übernehmen Verantwortung dort, wo andere zögern.

Im Alltag äußert sich das etwa so:

  • Entscheidungen werden mehrfach durchdacht, bevor sie kommuniziert werden
  • Aufgaben werden lieber selbst kontrolliert als abgegeben
  • Fehler im Team werden innerlich stark mitverantwortet
  • Erwartungen werden antizipiert, bevor sie ausgesprochen sind

Psychologisch handelt es sich dabei weniger um einen Charakterzug als um eine Strategie der Selbststeuerung unter Verantwortung. Forschung unterscheidet zwischen selbstorientiertem und sozial vorgeschriebenem Perfektionismus (Hewitt & Flett, 1991). Gerade letzterer ist in Führungsrollen relevant: der innere Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, um Anerkennung, Position oder Sicherheit nicht zu verlieren.

Der hohe Anspruch dient dann nicht primär der Qualität. Er dient der inneren Absicherung.

Kontrolle im Alltag: hilfreich – bis sie innerlich zwingend wird

Im Führungsalltag ist Kontrolle zunächst funktional. Prozesse, Kennzahlen und Abstimmungen sind notwendig. Problematisch wird es dort, wo Kontrolle nicht mehr situativ eingesetzt wird, sondern innerlich zwingend erscheint.

Das zeigt sich in typischen inneren Dialogen:

  • „Wenn ich das nicht selbst prüfe, könnte etwas schiefgehen.”
  • „Das kann ich so noch nicht freigeben.”
  • „Ich muss hier sicher sein, bevor ich entscheide.”

Der Fokus verschiebt sich: weg von Wirksamkeit, hin zu Fehlervermeidung. Studien zeigen, dass sozial vorgeschriebener Perfektionismus mit erhöhtem Kontrollbedürfnis, Stressreaktivität und Angst vor Fehlern einhergeht (Stoeber & Otto, 2006). Kontrolle verspricht Sicherheit – bindet aber Aufmerksamkeit und Energie.

Warum Kontrolle unter Druck keine Entlastung bringt.

Die Belastung entsteht zwischen Entscheidungen

Im Führungsalltag zeigt sich die Belastung des Perfektionismus weniger in einzelnen Entscheidungen als zwischen ihnen. In der gedanklichen Nachbereitung, im inneren Abwägen, im Gefühl, noch nicht „fertig” zu sein.

Typisch sind:

  • Gedankliche Schleifen nach Meetings
  • Anhaltende Anspannung trotz objektiv guter Ergebnisse
  • Schwierigkeiten, Entscheidungen innerlich abzuschließen
  • Pausen, die nicht entlasten

Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass maladaptiver Perfektionismus systematisch mit emotionaler Erschöpfung und Burnout-Risiko verbunden ist (Hill & Curran, 2016). Die Belastung entsteht nicht durch die Aufgabe selbst, sondern durch den inneren Anspruch, sie jederzeit optimal erfüllen zu müssen.

Wie der innere Kritiker hohe Ansprüche dauerhaft aufrechterhält.

Wenn Perfektionismus Entscheidungen verengt

Kritisch wird Perfektionismus dort, wo er die innere Steuerung übernimmt. Dann orientieren sich Entscheidungen weniger an Zielen, Prioritäten oder situativen Erfordernissen, sondern an der Frage, wie angreifbar sie sind.

Im Alltag bedeutet das:

  • Entscheidungen werden abgesichert statt gestaltet
  • Spielräume werden kleiner, obwohl sie vorhanden wären
  • Verantwortung fühlt sich schwerer an, als sie sachlich ist

Selbststeuerungsforschung beschreibt diesen Zustand als Dominanz kontrollierender Regulationsprozesse, bei denen Handlungsfähigkeit unter Belastung abnimmt. Führung wird nicht ineffektiv – aber innerlich immer anstrengender.

Führung braucht innere Stabilität, nicht perfekte Entscheidungen

Wirksame Führung zeigt sich nicht darin, immer richtig zu entscheiden, sondern darin, Entscheidungen tragen zu können – auch wenn sie nicht ideal sind. Innere Stabilität bedeutet, Unsicherheit auszuhalten, ohne handlungsunfähig zu werden.

Perfektionismus versucht, Unsicherheit zu eliminieren. Innere Stabilität erlaubt, mit ihr zu arbeiten. Forschung zur Selbstbestimmung zeigt, dass Führungskräfte mit autonom integrierter Motivation weniger defensiv auf Fehler reagieren und unter Druck handlungsfähiger bleiben.

Hohe Ansprüche verlieren ihre belastende Wirkung erst dann, wenn sie nicht mehr die einzige Quelle innerer Sicherheit sind.

Führung braucht innere Klarheit – nicht perfekte Entscheidungen.

Ein alltagsnaher Perspektivwechsel

Der Umgang mit Perfektionismus beginnt nicht mit weniger Anspruch. Er beginnt mit einer anderen inneren Orientierung im Führungsalltag.

Nicht: „Habe ich alles richtig gemacht?”

Sondern: „Kann ich diese Entscheidung verantworten – auch wenn sie nicht perfekt ist?”

Diese Verschiebung verändert Führung spürbar. Entscheidungen werden klarer, Verantwortung leichter tragbar, Führung wieder gestaltbar.

Anspruch braucht innere Tragfähigkeit

Hohe Ansprüche gehören zur Führung. Entscheidend ist, ob sie Orientierung geben – oder innere Sicherheit ersetzen sollen.

Perfektionismus wird dort problematisch, wo er zur Bedingung für Selbstwert und Ruhe wird. Psychologische Arbeit unterstützt Führungskräfte dabei, eine innere Stabilität zu entwickeln, die nicht von Fehlerlosigkeit abhängt.

Nicht weniger Anspruch. Sondern mehr innere Tragfähigkeit im Führungsalltag.

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