Präsentismus: Wenn Anwesenheit krank macht

29. Januar 2026

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Präsentismus: Wenn Anwesenheit krank macht

Die Kollegin hustet seit Tagen, der Kollege schleppt sich mit Kopfschmerzen durch Meetings, jemand anderes ist offensichtlich erschöpft und trotzdem jeden Tag pünktlich am Platz. Krank zur Arbeit zu gehen ist in vielen Unternehmen so normal, dass es kaum noch auffällt. Was auf den ersten Blick nach Pflichtbewusstsein aussieht, hat einen Namen: Präsentismus. Und es ist teurer, als die meisten denken.

Was Präsentismus bedeutet

Präsentismus beschreibt das Phänomen, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Einschränkung zur Arbeit zu erscheinen. Das Gegenteil – krankheitsbedingte Abwesenheit – wird als Absentismus bezeichnet. Während Fehlzeiten in jedem Unternehmen erfasst und analysiert werden, bleibt Präsentismus oft unsichtbar. Es gibt keine Krankmeldung, keine Statistik, keinen Alarm.

Laut einer Erhebung des DGB-Index Gute Arbeit gaben 63 Prozent der Beschäftigten in Deutschland an, im vergangenen Jahr mindestens einmal krank gearbeitet zu haben. Fast die Hälfte davon tat dies länger als eine Woche. Die Zahlen sind seit Jahren stabil hoch – mit einem kurzen Rückgang während der Corona-Pandemie, als das Bewusstsein für Ansteckungsrisiken stieg.

Das Thema wird unterschätzt, weil es auf den ersten Blick kein Problem zu sein scheint. Wer da ist, arbeitet – so die Annahme. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fasst die Forschungslage zusammen: Die Kosten, die durch Präsentismus entstehen, sind mindestens so hoch wie die Kosten durch krankheitsbedingte Fehlzeiten – manche Studien sprechen sogar vom Doppelten oder Dreifachen.

Warum Menschen krank zur Arbeit gehen

Die Gründe für Präsentismus sind vielschichtig. Selten ist es eine bewusste Entscheidung gegen die eigene Gesundheit. Häufiger ist es ein Zusammenspiel aus inneren Antreibern und äußeren Bedingungen.

Pflichtgefühl und Loyalität spielen eine zentrale Rolle. Viele Beschäftigte fühlen sich verantwortlich für ihre Aufgaben, ihr Team, ihre Projekte. Die Vorstellung, dass andere einspringen müssen oder Termine platzen, wiegt schwerer als das eigene Unwohlsein. Dieses Verantwortungsgefühl ist grundsätzlich positiv – wird aber zum Problem, wenn es systematisch über die eigenen Grenzen hinwegführt.

Angst vor Konsequenzen ist ein weiterer Treiber. In unsicheren Beschäftigungsverhältnissen oder in Unternehmen mit hohem Leistungsdruck fürchten Mitarbeitende, dass Krankheit als Schwäche ausgelegt wird. Wer sich zu oft krankmeldet, könnte bei der nächsten Beförderung übergangen werden – oder im schlimmsten Fall den Job verlieren. Diese Angst ist nicht immer rational, aber sie ist real und wirksam.

Die Unternehmenskultur setzt oft unausgesprochene Erwartungen. Wenn Führungskräfte selbst krank zur Arbeit kommen, senden sie ein Signal: Anwesenheit zählt mehr als Gesundheit. Wenn in Meetings Bemerkungen fallen wie „Schön, dass du trotzdem da bist”, wird Präsentismus belohnt. Und wenn Krankmeldungen mit skeptischen Nachfragen begleitet werden, überlegen sich Mitarbeitende zweimal, ob sie wirklich zu Hause bleiben.

Auch die Arbeitsverdichtung spielt eine Rolle. Wer weiß, dass sich die Arbeit während der Abwesenheit nur auftürmt und niemand sie übernimmt, geht eher krank zur Arbeit. Die DGB-Erhebung zeigt einen klaren Zusammenhang: Je höher die wahrgenommene Arbeitsverdichtung, desto häufiger und länger arbeiten Menschen trotz Krankheit.

Die Folgen von Präsentismus

Die Konsequenzen von Präsentismus betreffen alle Ebenen: die betroffene Person selbst, das Team und das gesamte Unternehmen.

Für die Betroffenen steigt das Risiko, Erkrankungen zu verschleppen. Was als harmlose Erkältung beginnt, kann sich zur Bronchitis entwickeln. Was als vorübergehende Erschöpfung abgetan wird, kann der Anfang eines Burnouts sein. Studien zeigen, dass Menschen, die regelmäßig krank arbeiten, ein erhöhtes Risiko für spätere Langzeiterkrankungen haben. Die kurzfristige Anwesenheit wird mit langfristigen Gesundheitsschäden bezahlt.

Für das Team entstehen mehrere Probleme. Bei ansteckenden Erkrankungen ist die Gefahr offensichtlich: Ein kranker Kollege kann innerhalb weniger Tage halbe Abteilungen lahmlegen. Aber auch bei nicht ansteckenden Beschwerden leidet das Team. Wer erschöpft oder schmerzgeplagt arbeitet, macht mehr Fehler, ist weniger konzentriert und braucht länger für Aufgaben. Die Mehrarbeit landet oft bei den Kollegen – nur eben schleichend und unsichtbar.

Für das Unternehmen sind die wirtschaftlichen Folgen erheblich. Die Zeitschrift ASU für Arbeitsmedizin hat deutsche und europäische Studien ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Präsentismus ist ein unterschätzter Kostenfaktor. Die Produktivitätsverluste durch eingeschränkte Arbeitsfähigkeit übersteigen in vielen Fällen die Kosten durch Fehlzeiten. Hinzu kommen erhöhte Fehlerquoten, mehr Arbeitsunfälle und das Risiko, dass aus kurzen Ausfällen lange Krankheitsverläufe werden.

Ein niedriger Krankenstand ist also kein automatisches Qualitätsmerkmal. Er kann auch bedeuten, dass Mitarbeitende sich nicht trauen, krank zu sein – mit allen Konsequenzen, die das nach sich zieht.

Präsentismus erkennen

Als Führungskraft lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Präsentismus zeigt sich selten offensichtlich. Aber es gibt Warnsignale.

Im Team können das sein: Mitarbeitende, die trotz sichtbarer Erschöpfung nie fehlen. Häufige kleine Fehler bei Menschen, die sonst zuverlässig arbeiten. Kollegen, die ständig über Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Schlafprobleme klagen, aber nie einen Tag ausfallen. Eine Atmosphäre, in der Krankmeldungen rechtfertigungsbedürftig erscheinen. All das sind Hinweise darauf, dass Präsentismus im Team ein Thema sein könnte.

Die Selbstreflexion ist ebenso wichtig. Führungskräfte sind nicht immun gegen Präsentismus – im Gegenteil. Gerade in verantwortungsvollen Positionen ist der Druck groß, immer verfügbar zu sein. Doch wer selbst krank zur Arbeit kommt, setzt ein Signal für das gesamte Team. Die Frage „Wann habe ich zuletzt trotz Krankheit gearbeitet – und warum?” kann aufschlussreich sein.

Auch die eigene Haltung zu Krankmeldungen verdient einen ehrlichen Blick. Reagiere ich genervt, wenn jemand sich krankmeldet? Hinterfrage ich die Berechtigung von Fehlzeiten? Lobe ich Menschen dafür, dass sie „trotzdem” gekommen sind? Solche Reaktionen – oft unbewusst – prägen die Teamkultur stärker als jede offizielle Richtlinie.

Was Unternehmen tun können

Präsentismus lässt sich nicht durch Appelle beseitigen. Es braucht strukturelle Veränderungen und eine Kultur, in der Gesundheit tatsächlich Priorität hat.

Der wichtigste Hebel ist die Führungskultur. Führungskräfte müssen vorleben, dass Kranksein akzeptiert ist. Das bedeutet konkret: selbst zu Hause bleiben, wenn man krank ist. Krankmeldungen ohne skeptische Rückfragen annehmen. Nicht nachfragen, „was man denn hat”. Keine Bewunderung für Menschen äußern, die sich „trotzdem durchbeißen”. Diese Veränderung beginnt ganz oben – und muss auf allen Ebenen ankommen. Innere Stabilität als Führungskraft zeigt sich auch darin, eigene Grenzen zu respektieren.

Strukturen müssen Erholung ermöglichen. Wenn Arbeit während Krankheit liegen bleibt und sich auftürmt, ist der Anreiz groß, gar nicht erst zu fehlen. Vertretungsregelungen, realistische Workloads und Priorisierungshilfen können diesen Druck reduzieren. Auch die Möglichkeit, nach einer Krankheit schrittweise zurückzukehren, hilft – hier schließt sich der Kreis zum Thema Wiedereingliederung.

Psychologische Sicherheit ist die Grundlage dafür, dass Mitarbeitende sich trauen, ihre Grenzen zu kommunizieren. In Teams, in denen offen über Belastung gesprochen werden kann, sinkt der Druck, sich krank zur Arbeit zu schleppen. Das erfordert keine wöchentlichen Gefühlsrunden, sondern eine grundsätzliche Haltung: Hier ist es in Ordnung, nicht in Ordnung zu sein.

Präventive Angebote wie ein Employee Assistance Program können helfen, Belastungen frühzeitig zu adressieren – bevor sie zu Erkrankungen werden. Ein EAP bietet Mitarbeitenden eine vertrauliche Anlaufstelle für berufliche und private Probleme. Das ersetzt keine gesunde Arbeitskultur, kann sie aber sinnvoll ergänzen.

Nicht zuletzt verdient das Thema auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement mehr Aufmerksamkeit. Wer nur Fehlzeiten erfasst, sieht nur die halbe Wahrheit. Anonyme Befragungen zum Thema Präsentismus können ein realistischeres Bild der Gesundheitssituation im Unternehmen liefern.

Das neue Phänomen: Virtueller Präsentismus

Mit der Zunahme von Homeoffice ist ein neues Phänomen entstanden, das die BAuA als „virtuellen Präsentismus” oder „Tele-Präsentismus” bezeichnet. Die Hürde, sich krank zu melden, sinkt im Homeoffice nicht – sie steigt. Wer zu Hause arbeitet, denkt schneller: „Ich leg mich halt zwischendurch hin” oder „So schlimm ist es nicht, ich kann ja vom Bett aus E-Mails beantworten.”

Studien zeigen, dass Beschäftigte, die häufig von zu Hause arbeiten, auch häufiger Präsentismus zeigen. Die Grenze zwischen Krankheit und Arbeitsfähigkeit verschwimmt, wenn der Arbeitsplatz ohnehin im privaten Raum liegt. Das stellt Führungskräfte vor neue Herausforderungen: Wie erkennt man, dass jemand krank arbeitet, wenn man ihn nicht sieht?

Die Antwort liegt auch hier in der Kultur. Wenn klar kommuniziert wird, dass Krankmeldungen auch im Homeoffice gelten – und dass niemand erwartet, „wenigstens ein bisschen” zu arbeiten – sinkt der Druck. Regelmäßige Check-ins, in denen es nicht nur um Aufgaben, sondern auch um Befinden geht, können helfen. Und das Vorbild der Führungskraft bleibt entscheidend: Wer selbst im Homeoffice krank arbeitet und das kommuniziert („Mir geht’s nicht gut, aber ich mach trotzdem weiter”), normalisiert genau das Verhalten, das es zu vermeiden gilt.

Fazit: Anwesenheit ist nicht gleich Leistung

Präsentismus ist ein unterschätztes Phänomen mit erheblichen Folgen – für die Gesundheit der Betroffenen, für die Teamdynamik und für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Unternehmen. Die Kosten durch kranke Anwesenheit übersteigen häufig die Kosten durch Fehlzeiten. Wer nur auf den Krankenstand schaut, sieht nur einen Teil der Realität.

Die gute Nachricht: Präsentismus ist kein Naturgesetz. Eine Kultur, die Gesundheit ernst nimmt, Führungskräfte, die mit gutem Beispiel vorangehen, und Strukturen, die Erholung ermöglichen, können das Verhalten verändern. Das erfordert keine großen Investitionen, aber es erfordert ein Umdenken: weg von der Gleichsetzung von Anwesenheit mit Leistung, hin zu einem realistischen Blick auf nachhaltige Arbeitsfähigkeit.

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