Ich bin doch so: Lässt sich der eigene Führungsstil überhaupt verändern?
Wenn Sie sich mit Ihrem eigenen Führungsstil beschäftigt haben, kennen Sie vielleicht diesen Moment der Ernüchterung. Sie haben erkannt, dass Sie zu viel kontrollieren, zu empfindlich auf Kritik reagieren oder zu schnell misstrauisch werden. Und dann kommt der Gedanke: Schön, jetzt weiß ich es. Aber ich bin nun mal so. Kann ich das überhaupt ändern?
Die ehrliche Antwort lautet: Ihre Persönlichkeit können Sie nicht abschalten, und das sollten Sie auch nicht wollen, denn in ihr liegen Ihre Stärken. Aber der Umgang mit ihr ist veränderbar. Sie können lernen, Ihre Muster zu bemerken, bevor sie wirken, und in dem entstehenden Spielraum anders zu handeln. Dieser Artikel beschreibt, wie dieser Weg verläuft. Er führt von der Reflexion im Nachhinein über die Wahrnehmung im Moment bis zu einer Form von Selbststeuerung, die vorausschaut. Das klingt nach viel, ist aber ein Weg in Stufen, den jeder gehen kann.
Warum gute Vorsätze allein nicht reichen
Die meisten Versuche, das eigene Verhalten zu ändern, scheitern nicht am Willen, sondern an der Geschwindigkeit. Ein Muster wie übermäßige Kontrolle oder gereizte Reaktion auf Kritik läuft automatisch ab. Es ist schneller als jeder Vorsatz. In dem Moment, in dem die Situation eintritt, ist die Reaktion schon da, bevor das Nachdenken einsetzt. Deshalb hilft es wenig, sich vorzunehmen, künftig gelassener zu sein. Der Vorsatz kommt zu spät.
Verhaltensmuster sind eingeübte Reaktionen, die unter Druck besonders zuverlässig anspringen. Wer das im Auftakt dieser Reihe in Persönlichkeit und Führungsverhalten beschriebene Prinzip verstanden hat, kennt den Mechanismus: Jeder Stil hat eine Schattenseite, die unter Stress hervortritt. Veränderung bedeutet deshalb nicht, sich zusammenzureißen. Sie bedeutet, einen Spalt zu schaffen zwischen dem Auslöser und der Reaktion. In diesem Spalt entsteht die Freiheit, anders zu handeln. Und dieser Spalt lässt sich vergrößern, Schritt für Schritt.
Stufe eins: Erkennen im Nachhinein
Der Anfang jeder Veränderung ist die Reflexion im Nachhinein. Sie bemerken Ihr Muster, wenn es vorbei ist. Am Abend fällt Ihnen auf, dass Sie im Meeting wieder jede Entscheidung an sich gezogen haben. Auf der Heimfahrt merken Sie, dass Sie ungeduldig geworden sind, sobald jemand widersprochen hat.
Das klingt wenig spektakulär, ist aber der entscheidende erste Schritt. Die meisten Menschen kommen nicht einmal hierhin, weil sie ihr eigenes Verhalten für selbstverständlich und situationsbedingt halten. Wer dagegen rückblickend ein Muster erkennt, hat schon die wichtigste Voraussetzung geschaffen: die Bereitschaft, sich selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen.
Damit diese Stufe wirkt, kommt es allerdings auf die Art der Reflexion an. Hier lohnt eine Unterscheidung, die in der Forschung gut belegt ist. Ein Forschungsteam um Ethan Kross und Özlem Ayduk hat gezeigt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man eine belastende Situation aus der eigenen Innenperspektive noch einmal durchlebt oder ob man wie ein außenstehender Beobachter darauf blickt. Diese selbstdistanzierte Reflexion, das gedankliche Zurücktreten und Betrachten der eigenen Person von außen, führt nachweislich zu weniger emotionaler Verstrickung und zu klarerer Einsicht. Eine Meta-Analyse in der Fachzeitschrift Stress and Health hat diesen Befund über zahlreiche Studien hinweg bestätigt: Wer reflektiert, indem er innerlich auf Abstand geht, verarbeitet schwierige Erfahrungen besser als jemand, der sich erneut hineinsteigert. Konkret heißt das: Fragen Sie sich nicht nur, was passiert ist, sondern betrachten Sie die Szene, als hätten Sie sie von außen beobachtet. Was hat diese Person, also Sie, getan? Was hat sie ausgelöst?
Stufe zwei: Den Abstand verkürzen
Mit der Übung der selbstdistanzierten Reflexion geschieht etwas Interessantes. Die Erkenntnis rückt näher an das Ereignis heran. Was zunächst erst Tage später auffiel, bemerken Sie bald am selben Abend, dann eine Stunde nach der Situation, dann kurz danach. Der zeitliche Abstand zwischen Reaktion und Einsicht schrumpft.
Diese Verkürzung ist kein Zufall, sondern eine Folge der Wiederholung. Je öfter Sie ein Muster im Nachhinein betrachten, desto vertrauter wird es Ihnen, und desto früher meldet es sich beim nächsten Mal. Das Gehirn lernt, die Situation als bedeutsam zu markieren. Hilfreich ist in dieser Phase, die eigenen Auslöser genauer kennenzulernen. Welche Situationen bringen mein Muster zuverlässig hervor? Sind es bestimmte Personen, bestimmte Themen, bestimmte Tageszeiten, in denen ich erschöpft bin? Wer in der Auseinandersetzung mit Misstrauen in der Führung etwa erkannt hat, dass die eigene Kontrolle besonders in unsicheren Phasen zunimmt, kann genau auf diese Phasen achten. Die Auslöser zu kennen, bedeutet, vorbereitet zu sein.
Stufe drei: Wahrnehmen im Moment
Der entscheidende Sprung gelingt, wenn Sie das Muster bemerken, während es passiert. Mitten im Gespräch spüren Sie, wie der Impuls aufsteigt, zu kontrollieren, sich zu rechtfertigen oder misstrauisch zu werden. Sie bemerken es in dem Augenblick, in dem es geschieht. Das ist die Echtzeitwahrnehmung, und sie verändert alles, weil hier zum ersten Mal der Spalt zwischen Impuls und Handlung entsteht.
In der Psychologie wird dieser Vorgang als Dezentrierung beschrieben. Gemeint ist die Fähigkeit, einen inneren Zustand als das wahrzunehmen, was er ist, nämlich ein vorübergehender Impuls, statt mit ihm verschmolzen zu sein. Statt zu denken die Situation ist bedrohlich denken Sie ich bemerke gerade, dass ich diese Situation als bedrohlich erlebe. Dieser kleine Unterschied schafft Distanz, und in dieser Distanz liegt die Wahlfreiheit. Sie müssen dem Impuls nicht mehr folgen. Sie können ihn da sein lassen und sich trotzdem anders entscheiden.
Diese Fähigkeit lässt sich trainieren. Achtsamkeitsbasierte Übungen zielen genau darauf, die innere Beobachtungsposition zu stärken. Aber es braucht keine formale Meditation. Schon die regelmäßige Praxis aus den ersten beiden Stufen, das wiederholte selbstdistanzierte Betrachten, verschiebt die Wahrnehmung nach und nach in den Moment hinein. Wichtig ist die innere Stabilität, denn unter Anspannung verengt sich die Wahrnehmung und der Automatismus gewinnt. Wer in sich ruht, hat eher den inneren Spielraum, im Moment zu bemerken, was geschieht. Der Artikel Führung und innere Stabilität beschreibt, wie sich diese Grundlage aufbauen lässt.
Stufe vier: Vorausschauen
Die reifste Stufe ist die Antizipation. Sie erkennen die Situationen, die Ihr Muster auslösen, bevor sie eintreten, und können sich vorbereiten. Vor dem Meeting, in dem Sie erfahrungsgemäß die Kontrolle an sich reißen, nehmen Sie sich bewusst vor, zuzuhören und zurückzuhalten. Vor dem Gespräch mit der Kollegin, die Ihr Misstrauen weckt, machen Sie sich klar, dass Ihre erste Deutung vermutlich zu negativ ausfallen wird.
Auf dieser Stufe ist das Muster nicht verschwunden. Es ist immer noch da, und es wird auch da bleiben, denn es gehört zu Ihrer Persönlichkeit. Aber es bestimmt nicht mehr Ihr Handeln. Sie haben gelernt, ihm zuvorzukommen. Das ist der Punkt, an dem aus einem blinden Fleck ein bewusstes Werkzeug geworden ist. Der ehrgeizige Stil etwa, der früher in Geltungsdrang kippte, lässt sich nun gezielt dort einsetzen, wo Begeisterung gebraucht wird, und dort zurücknehmen, wo er anderen den Raum nimmt. Was Sie bei Perfektionismus in der Führung lesen können, gilt für jeden Stil: Die Stärke bleibt, die Schattenseite verliert ihre Macht.
Warum der eigene Blick an Grenzen stößt
So weit der Weg führt, er hat eine eingebaute Grenze. Der blinde Fleck bleibt blind, egal wie ehrlich Sie reflektieren. Genau die Muster, die am tiefsten sitzen, sind die, die Sie selbst am schlechtesten sehen, weil sie Ihnen so selbstverständlich sind, dass sie gar nicht als Muster auffallen. Sie können sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.
Deshalb braucht echte Veränderung an einem bestimmten Punkt die Rückmeldung von außen. Andere sehen, was Ihnen entgeht. Sie erleben Ihre Wirkung, die Sie selbst nicht spüren. Sich diese Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung, wie der Artikel Wenn Führungskräfte selbst Hilfe brauchen ausführt. Hier kommt ein Format ins Spiel, das genau für diesen Zweck entwickelt wurde: das Interpersonelle Selbststeuerungstraining, kurz IPSST. Es verbindet die beiden Dinge, die Veränderung braucht, und die der einsame Weg der Selbstreflexion nicht leisten kann.
Die erste Säule ist die Selbststeuerung selbst. Im IPSST üben Führungskräfte, ihre inneren Reaktionsmuster wahrzunehmen und zu steuern, also genau die Echtzeitwahrnehmung, die den Kern dieses Wegs ausmacht. Die zweite Säule ist das interpersonelle Lernen. In einer Gruppe von Führungskräften aus unterschiedlichen Organisationen werden die eigenen Muster im echten Kontakt sichtbar, nicht im Gespräch darüber, sondern im Erleben. Wie jemand auf Widerspruch reagiert, wie er Nähe und Distanz reguliert, wie er mit Macht umgeht, all das zeigt sich in der Gruppe unmittelbar. Die anderen Teilnehmenden werden zum Spiegel, der den blinden Fleck sichtbar macht, und zugleich zum Übungsfeld, in dem sich neues Verhalten erproben lässt. Genau weil die Hierarchie wegfällt und alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen, entsteht eine Offenheit, die im eigenen Unternehmen kaum möglich ist. Mehr darüber, wie dieses Gruppentraining für Führungskräfte arbeitet, erfahren Sie auf der Angebotsseite.
Der Vorteil dieses Wegs liegt in der Beschleunigung. Was in der einsamen Selbstreflexion Jahre dauern kann, weil der blinde Fleck immer wieder im Weg steht, wird in der Gruppe schneller sichtbar. Die Rückmeldung von Menschen, die ähnliche Rollen tragen, ersetzt das mühsame Erraten der eigenen Wirkung durch direkte Erfahrung.
Fazit: Den Führungsstil verändern ist ein Weg, kein Schalter
Den eigenen Führungsstil zu verändern, ist kein einmaliger Entschluss, sondern ein Weg in Stufen. Er beginnt damit, das eigene Muster im Nachhinein zu erkennen, führt über die Verkürzung des Abstands zur Wahrnehmung im Moment und mündet in eine Form von Selbststeuerung, die vorausschaut. Auf keiner dieser Stufen verschwindet die Persönlichkeit. Was sich ändert, ist der Spielraum, den Sie zwischen Impuls und Handlung gewinnen.
Den größten Teil dieses Wegs können Sie selbst gehen. Aber an dem Punkt, an dem der eigene Blick an seine Grenze stößt, beschleunigt die Rückmeldung von außen die Entwicklung erheblich. Das IPSST bietet diesen Rahmen: einen Ort, an dem Selbststeuerung und interpersonelles Lernen zusammenkommen und an dem aus der Erkenntnis über sich selbst eine echte Veränderung im Verhalten werden kann. Wer diesen Weg geht, legt seine Persönlichkeit nicht ab. Er lernt, sie zu führen.
Sie möchten nicht nur über Ihre Muster nachdenken, sondern sie dort verändern, wo sie wirken, im echten Kontakt mit anderen?
Das IPSST-Gruppentraining verbindet Selbststeuerung und interpersonelles Lernen in einem Format, das speziell für die Herausforderungen der Führungsrolle entwickelt wurde. Es ist der Ort, an dem aus Selbsterkenntnis Veränderung wird.
Mehr über das IPSST erfahren oder Kontakt aufnehmen
Weiterführende Artikel
- Persönlichkeit und Führungsverhalten: der eigene Stil
- Misstrauen in der Führung: Wie ein Teufelskreis entsteht
- Führung und innere Stabilität
Quellen
- Murdoch, E. M., Chapman, M. T., Crane, M. & Temby, P. (2023). The effectiveness of self-distanced versus self-immersed reflections among adults: Systematic review and meta-analysis of experimental studies. Stress and Health, 39(1), 4–22. https://doi.org/10.1002/smi.3199
- Kross, E. & Ayduk, O. (2017). Self-distancing: Theory, research, and current directions. Advances in Experimental Social Psychology, 55, 81–136. https://doi.org/10.1016/bs.aesp.2016.10.002
- Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe.